Brille unserer Wahrnehmung

In unserer Kindheit und Jugend lernen wir, uns und die Welt auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen, das Geschehen in einer bestimmten Art zu interpretieren, bestimmte Fragen zu stellen, Problemen als (unüberwindliche) Hindernisse oder als Herausforderungen (Chancen) zu sehen. Parallel lernen wir, mit dem – so gesehenen – Geschehen bestimmte Gefühle zu verbinden und dann entsprechend zu handeln (vgl. meine Beitrag https://haharth.de/gehirnentwicklung/). Wir bekommen eine Art „Brille“ unserer Wahrnehmung, durch die wir die Welt sehen.

Durch die „Brille“ sehen wir ein Leben lang unsere Realität, unser Leben, uns selbst, unsere Probleme und unsere Möglichkeiten. Die „Brille“ beruht auf Erfahrungen und Bewertungen – es ist nicht die Realität. Es sind Vorstellungen, die wir von anderen erhalten. Es ist unsere  Brille, aber sie ist nicht von uns!

Durch diese „Brille“ sehen wir ein irgendwie gefärbtes oder verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Wir sehen auch nur einen Ausschnitt der Realität, weil wir bestimmte Dinge nicht kennen gelernt haben, deshalb nicht erwarten und deshalb auch nicht beachten. Unser Gehirn filtert  Teile der sinnlichen Wahrnehmung heraus – ohne dass wir das bemerken -, die nicht zu unseren Erwarteten passen.

Es gibt deshalb Menschen, die Chancen sehen, weil sie Chancen erwarten, andere, die Ärger sehen, weil sie Ärger erwarten, und wieder andere die Erfolge sehen, weil sie Erfolge erwarten.

Zwei Personen sehen die Realität durch zwei verschiedene Brillen. Sie sehen etwas anderes und kommen deshalb auch zu unterschiedlichen Urteilen. Daraus entsteht mancher Streit.

In jeder Situation ist es klug, sich zunächst einmal ein möglichst objektives Bild der Realität zu verschaffen (soweit das die „Brille“ zulässt), dann kluge Fragen zu stellen (vgl. Beitrag: https://haharth.de/kluge-fragen/), die Möglichkeiten abzuwägen, und dann mutig zu handeln.

Ich glaube, dass 90 % unserer Probleme Folgen unserer (verzerrten) Wahrnehmung – unserer „Brille“ – sind, d.h. unserer unzutreffenden oder unvollständigen Sicht der Realität – der Welt, unserer selbst und unserer Möglichkeiten. Wir alle hätten viel mehr Möglichkeiten, wenn wir in der Lage wären, sie zu sehen.    

Wenn Eltern ihre Situation nicht realistisch sehen (wollen), über ihre Probleme schimpfen, sich aber nicht zutrauen, sie selbst zu lösen, sondern lieber nach dem Staat rufen (erlernte Hilflosigkeit), vermitteln sie genau diese Bewertung, diese Sichtweise ihren Kindern. Die Kinder sehen dann ebenfalls keine Chance, weil sie durch diese Art „Brille“ sehen. Hätten sie eine andere „Brille“, sähen sie Chancen! Dieses Problem „vererbt“ sich von Generation zu Generation, bis jemand den Einfluss der „Brille erkennt – vielleicht durch ein Vorbild.

Das Problem ist, dass wir den Einfluss der „Brille“ nicht (objektiv) erkennen können und deshalb nicht wissen, was wir nicht sehen oder welche Verzerrungen wir durch die „Brille“ sehen. Das geht allen Menschen so.

Ein kleiner Kniff: da Ihre „Brille“ die objektive Wahrnehmung unmöglich macht, achten Sie auf das, was Ihnen widerfährt. Achten Sie auf die Probleme und die Chancen, die Sie immer wieder erleben. Das, was Ihnen (immer wieder) widerfährt, ist ein Spiegel Ihrer Persönlichkeit und ermöglicht Ihnen Rückschlüsse auf ihre „Brille“. 

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