Ruhestand – die äussere Struktur fällt weg

 

Viele Menschen freuen sich jahrelang auf diesen Tag: endlich Ruhestand. Endlich keine Termine mehr, kein Wecker, kein Chef und keine Verpflichtungen – Freiheit.

Endlich Zeit für den Garten, für Reisen, Freunde, für den Golfplatz. Für alles, wofür während des Berufslebens nie genug Zeit war.

Ruhestand

Und dann ist er da, der erste Tag im Ruhestand. Man steht morgens auf und denkt: Jetzt beginnt mein freies Leben.

Das dachten auch Peter und sein Nachbar Martin. Die beiden kannten sich seit vielen Jahren, wohnten in der gleichen Gegend und gingen zur gleichen Zeit in den Ruhestand. Beide hatten sich darauf gefreut.

Peter hatte vor allem eines vor: Keine Termine mehr zu haben, morgens ausschlafen zu können, in Ruhe zu frühstücken, zu tun, worauf er Lust hat und endlich mehr Golf zu spielen.

Martin freute sich ebenfalls auf die gewonnene Freiheit, auf mehr Zeit für Frühstück und Sport. Er hatte sich noch etwas anderes vorgenommen. Er kannte seit Jahren Jens, einen jungen Unternehmer aus der Nachbarschaft. Ein interessanter Mann, Anfang dreißig, voller Ideen, aber mit noch wenig Erfahrung.

Martin hatte viele Jahre ein Unternehmen geführt. Jetzt wollte er sein Wissen weitergeben. Nicht als Job gegen Bezahlung. Einfach, weil es ihm Freude machte und weil er glaubte, dass er noch etwas beitragen konnte.

Martin vereinbarte den ersten Termin für den kommen Mittwoch und trug ihn in seinen Kalender ein. Seinen Kalender – den früher seine Sekretärin geführt hatte. Die ihm immer gesagt hatte, wann seine Termine waren und wann ein Kunde ihn erwartete. Jetzt war das anders. Niemand sagte ihm, was er wann tun musste.

Am Mittwoch war Martin bei Jens. Nach einer Stunde war das Gespräch beendet und er hatte sich einige Fragen notiert. Martin hatte zugesagt, über sie nachzudenken und Jens bis Freitag seine Ideen und Vorschläge zuzusenden.

Peter hatte inzwischen seine ersten Golfrunden gedreht und genoss es. Endlich konnte er spielen, so oft er wollte. Wenn das Wetter schön war, ging er auf den Golfplatz. Wenn das Wetter schlecht war, blieb er zu Hause. Wenn er keine Lust hatte, machte er einfach nichts. Das fühlte sich wunderbar an: keine Verpflichtungen, keine Termine.

Nach einigen Wochen

trafen sich Martin und Peter auf der Straße. Martin fragte: „Und? Wie gefällt Dir Dein Ruhestand?“ „Herrlich“, sagte Peter und erzählte vom Golf, von einem guten Schlag und von seinem neuen Schläger. Auch von dem neuen Restaurant, das er mit seiner Frau entdeckt hatte.

Eigentlich war alles bestens. Trotzdem sagte Peter irgendwann: „Weißt Du, manchmal frag ich mich morgens, wofür ich eigentlich aufstehen soll.“ Martin sagte nichts dazu.

Einige Monate später

trafen sich Peter und Martin erneut. Martin berichtete, dass er inzwischen einen weiteren Jung-Unternehmer hatte, den er gelegentlich beriet, ebenfalls unentgeltlich. Er hatte sich bei einem Unternehmen auch mit einem kleinen Betrag beteiligt. Nicht, weil er sein Geld vermehren musste, sondern weil er, über seine Beratung hinaus, die weitere Entwicklung verfolgen wollte.

Er hatte wieder etwas, das auf ihn wartete: ein Gespräch am Dienstag, eine Entscheidung am Donnerstag. Manchmal ein Problem, das gelöst werden musste und für das er seine Erfahrung zu Rate zog. Manchmal war er anderer Meinung als die jungen Unternehmer.

Peter sagte: jetzt hast du ja wieder Termine und Verpflichtungen.

Martin antwortet: Ja, das stimme. Manchmal ärgere er sich auch und ein anderes Mal freue er sich riesig, wenn etwas gelang. Das war nicht immer bequem. Aber es war sein Ding und er hatte die Aufgaben selbst gewählt.

Der entscheidende Unterschied ist, früher war es:

„Das muss ich tun.“

Jetzt ist es:

„Das will ich tun.“

Die Struktur

Peter machte in den folgenden Wochen weiter seine Runden über den Golfplatz und verbesserte sein Handicap. Irgendwann fiel ihm auf, dass es immer die gleichen Runden waren. Da, wo am Abend eine Runde endete, fing er am nächsten Morgen die neue Runde wieder an.

Das machte ihn nachdenklich. Er wollte eigentlich nicht nur Platzrunden drehen –

er wollte auf etwas zugehen – etwas haben, das sich entwickelt.

Ihm wurde klar: er wollte nicht allein eine Beschäftigung. Er wollte wieder eine Aufgabe. Etwas, was noch nicht fertig war. Ein Ziel, das er noch nicht erreicht hatte.

Es musste etwas sein, das ihm so wichtig war, dass es ihn in die Pflicht nahm. Nicht weil jemand anderes es wollte und er musste, sondern weil er es wollte.

Wieder einige Monate später

hatte Peter ebenfalls sein Projekt gefunden. Ein Projekt, das er wollte und ihm eine innere Struktur gab. Das Projekt ließ in ihm eine innere Dynamik entstehen und aktivierte seine Lebensgeister.

Er war unterwegs zu seinem Ziel, einer selbstgewählten Verpflichtung. Er bewegte sich nicht mehr im Kreis.

 

Vielleicht fragst Du Dich: 

„Wohin bin ich unterwegs, wenn niemand von außen mir mein
  Ziel vorgibt?“

 

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Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Von der Erschöpfung zur Resilienz“. Wenn du die Gedanken verfolgen möchtest, beginne mit dem ersten Artikel der Serie „Was ist Resilienz wirklich.“ Du findest ihn auf meiner Homepage. 

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