Es gibt Menschen, deren Leben zu funktionieren scheint. Sie haben einen guten Beruf, verdienen ordentlich, haben eine Familie, Freunde, vielleicht ein eigenes Haus. Sie sind zuverlässig, übernehmen Verantwortung und haben im Laufe der Jahre einiges erreicht.
Trotzdem kann bei ihnen irgendwann die Frage auftauchen:
Warum macht mich das alles nicht wirklich glücklich?
Betrachten wir zwei Menschen. Nennen wir den einen A, für Albert oder Annette.
A hat früh gelernt, was ein gutes Leben ausmacht. Eine gute Ausbildung sichert einen gut dotierten Beruf. Mit Leistung schafft man den Aufstieg und finanzielle Sicherheit. Später vielleicht Partnerschaft, Familie, ein eigenes Zuhause. A hat diese Vorstellungen nicht hinterfragt. Warum auch?
Die Menschen um A herum lebten ähnlich. Die Eltern wollten, dass etwas aus ihrem Kind wird. Lehrer fragten nach den Leistungen. Im Beruf wurde Einsatz erwartet und belohnt. Mit dem beruflichen Aufstieg konnte er sich mehr leisten und wurde von anderen bewundert.
A hatte also gute Gründe, sich anzustrengen und zufrieden zu sein. A hat sich angestrengt. Mit jedem erreichten Ziel kam für einen Moment das Gefühl:
Jetzt habe ich es geschafft. Aber dann kam das nächste Ziel und A hat sich wieder angestrengt. A ist damit nicht alleine.
Wir lernen, was ein gutes Leben sein
soll
Schon als Kinder werden uns die Vorstellungen davon vermittelt, was im Leben wichtig ist. Wir lernen, was Erfolg bedeutet. Was man erreichen sollte. Was man sich leisten können sollte. Was aus einem werden sollte.
Vieles davon geschieht ganz selbstverständlich. Wir übernehmen die Vorstellungen von unseren Eltern, von unserem Umfeld, von Freunden und von der Gesellschaft. Wir sehen, wie andere leben, und orientieren uns daran. Wir vergleichen und stellen fest, wo wir selbst stehen.
Daran ist zunächst nichts falsch, denn wir brauchen Orientierung. Vieles von dem, was wir übernehmen, kann zu einem guten Leben gehören.
Die Schwierigkeit beginnt, wenn aus der Möglichkeit eine Bedingung wird:
So muss mein Leben aussehen, damit es ein gutes Leben ist.
Das Bild, das wir sehen, ist aber nicht von uns, sondern von anderen.
Dann wird Erfolg zu dem Maßstab anderer, an dem wir unser Leben messen. Es geht nicht mehr darum, ob wir etwas haben wollen. Es geht darum, dass wir etwas haben sollten.
Und dann sind da noch Bernd oder Bettina
Betrachten wir einen zweiten Menschen. Nennen wir ihn B – für Bernd oder Bettina. Auch B hat zunächst vieles von dem gemacht, was A gemacht hat. Auch B wollte eine gute Ausbildung, einen guten Beruf, finanzielle Sicherheit und Anerkennung. Auch B hat gearbeitet, Verantwortung übernommen und Ziele verfolgt.
B wollte nicht von Anfang an alles anders machen als A. Sein Leben war womöglich über weite Strecken dem Leben von A ziemlich ähnlich. Doch irgendwann begann B, sich eine andere Frage zu stellen.
B fragte sich nicht mehr:
Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt?
Er fragte sich:
Wofür will ich diesen Schritt gehen – und wohin soll er mich führen?
Das klingt nach einem kleinen Unterschied – verändert aber die Perspektive.
Solange wir fragen, was als Nächstes zu tun ist, können wir uns an dem orientieren, was logisch ist und andere für richtig halten. Wir können vergleichen, was üblich ist und was Erfolg verspricht.
Wenn wir uns dagegen fragen, wofür wir diesen Schritt machen wollen, müssen wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Was möchte ich mit meinem Leben anfangen? Was verstehe ich unter einem guten und glücklichen Leben? Führt mich der Schritt in die richtige Richtung?
B hat darauf zunächst keine Antwort, was auch nicht entscheidend ist. Einen eigenen Weg gehen zu wollen, bedeutet nicht, plötzlich zu wissen, wie der Weg exakt aussieht. B bemerkt aber, dass ihm die bisherigen Antworten nicht mehr für seine Fragen reichen.
Wenn das Erreichte nicht mehr genügt
Vielleicht liegt genau hier ein Grund dafür, dass Erfolg nicht erfüllend ist. Nicht weil Erfolg schlecht wäre und Geld, Reputation oder berufliche Entwicklung unwichtig wären.
Wir wollten damit eigentlich etwas anderes erreichen. Wir wollten den guten Beruf, weil wir uns davon Zufriedenheit versprochen hatten. Wir wollten mehr Geld, weil wir uns davon Sicherheit und Freiheit erwartet hatten. Wir suchten Anerkennung, weil wir uns davon ein verbessertes Selbstwertgefühl erhofft hatten. Wir wollten das alles, damit wir endlich – angekommen und glücklich wären.
Was aber, wenn aus den erreichten Zielen sich ein Leben entwickelt, dass nicht zu uns persönlich passt? A kann in den Augen der Anderen erfolgreich sein und trotzdem spüren, dass ihm etwas fehlt.
B hat vielleicht – in den Augen der Anderen – weniger Erfolg. Er fühlt sich dennoch näher bei sich, seinem Leben und auf dem Weg, der ihm wichtig ist. B hat begonnen sich andere Fragen zu stellen und versucht für sich andere Antworten zu finden.
Wer bestimmt, was ein gutes Leben ist?
Das ist vermutlich die entscheidende Frage. Wir bekommen im Laufe unseres Lebens viele Vorstellungen darüber vermittelt, wie ein gutes Leben aussieht. Manche übernehmen wir bewusst. Andere erscheinen uns so selbstverständlich, dass wir gar nicht bemerken, dass sie ursprünglich nicht von uns stammen.
Irgendwann betrachten wir womöglich unser Leben, das wir selbst aufgebaut haben – und fragen uns, ob es tatsächlich unser Leben ist.
A und B sind dabei keine zwei Arten von Menschen. Sie stehen für zwei Möglichkeiten, die wahrscheinlich in jedem von uns schlummern.
Sollten wir uns häufiger nicht fragen, was vernünftig ist und was von uns erwartet wird.
Sondern innehalten und uns fragen:
„Will ich das wirklich?“
„Wofür will ich es?“
Vielleicht beginnt damit eine entscheidende Veränderung. Die Antworten werden nicht sofort klar sein – aber vielleicht erahnen oder erkennen wir neue Möglichkeiten – unsere Möglichkeiten.
Dafür wünsche ich Dir gutes Gelingen.
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