Ein kleines Kind steht auf. Es hält sich an einem Stuhl fest, zieht sich hoch und macht einen Schritt. Es wackelt, fällt hin und schaut vielleicht erstaunt auf den Boden. Aber es steht wieder auf und versucht es erneut.
Warum? Weil es seine Mutter sieht, seinen Vater, die Geschwister – Menschen, die laufen. Es will auch laufen.
Das Kind weiß nicht, ob es laufen kann. Es hat es noch nie gemacht, weiß eigentlich nicht wie es geht. Es probiert es einfach immer wieder, bis es irgendwann tatsächlich laufen kann. Auf die Idee, dass es das vielleicht nicht laufen könnte, kommt es nicht. Die Anderen laufen ja auch. Das Kind denkt vielleicht:
„Das kann ich noch nicht. Ich werde es lernen.“
Die Grenzen der Anderen
Wann wird aus „das kann ich noch nicht“ – „das kann ich nicht“? Irgendwann verändert sich etwas. Wir orientieren uns weiter an den Erwachsenen aus unserem Umfeld. Sie geben uns ihre Erfahrungen und Einschätzungen weiter mit Sätzen wie: „Dafür bist Du noch zu klein.“ „Das kannst Du nicht.“ „Das macht man nicht.“ „Sei vorsichtig.“ Oder auch; „Versuch es.“ „Streng Dich an.“
Das sind Sätze von wohlmeinenden Eltern und Lehrern, die das Kind beschützen, es vor Enttäuschungen bewahren oder auch es herausfordern wollen. Sie beruhen auf Erfahrungen, Meinungen, Bewertungen und Verhaltensmuster der Menschen des Umfelds. Sie werden so oft wiederholt, dass sich am Ende aus den Meinungen der Anderen eine entsprechende Selbsteinschätzung im jungen Erwachsenen gebildet hat.
Aus:
„Das kannst Du nicht.“
wird:
„Das kann ich nicht.“
Dann fragen wir uns nicht mehr, ob das stimmt. Wir nehmen die Grenzen als unsere eigenen wahr. Ein Leben jenseits der Grenzen findet für uns quasi nicht statt. Was jenseits unserer vermeintlichen Grenzen liegt, nehmen wir nicht als Möglichkeit für uns wahr.‘
Wir sagen dann Dinge wie:
„Ich bin eben nicht kreativ.“
„Mit Technik habe ich nichts am Hut.“
„Dafür bin ich zu alt.“
Die entscheidende Frage ist:
Welche Grenze hast Du selbst geprüft?
Es gibt Grenzen, die wir selbst erfahren haben, weil wir sie selbst getestet haben und gescheitert sind. Wir versuchen es noch einmal und vielleicht noch einmal und schaffen es wieder nicht. Dann bewerten wir unsere Erfahrung mit: ich kann es nicht, oder auch: der Einsatz ist mir zu hoch. Wir haben eine Grenze erfahren.
Und es gibt die anderen Grenzen, die wir übernommen aber nicht geprüft haben. Wir haben etwas nicht versucht, meinen aber dennoch, es sei für uns nicht erreichbar. Das sind
Limitierung, die Überzeugungen anderer, dass wir etwas nicht können.
Es sind Überzeugung, die wir von anderen übernommen haben. Es sind keine Tatsachen, die wir überprüft haben.
Wir glauben, etwas nicht zu können. Wir wissen es aber nicht.
Sollten wir nicht wichtige Limitierungen durch eigene Erfahrungen überprüfen? Sie selbst überprüfen, anstatt sie – ein Leben lang – als wahr anzusehen und hinzunehmen?
Grenzen selbst herausfinden
Menschen, die Neues erforschen, stehen vor dieser Herausforderung. Forscher, die eine neue Therapie, ein neues Medikament entwickeln wollen. Sie wissen – oft über Jahre – nicht, ob sie Erfolg damit haben werden.
Ein Gründer weiß ebenfalls nicht, ob aus seiner Idee ein erfolgreiches Unternehmen wird. Er betritt mit einem neuen Angebot, einer neuen Technologie einen neuen – möglicherweise noch nicht existierenden – Markt. Auch hier vergehen oft viele Jahre.
Sie alle beginnen etwas, dessen Weg und Ziel sie nicht präzise kennen. Sie wissen nicht, wo die Grenzen liegen. Dazu braucht es Entdeckergeist, Wissen, Beharrlichkeit – und Mut.
Den Mut selbst zu prüfen, ob die Idee, die Annahmen und die eigenen Kräfte und Fähigkeiten ausreichen. Den Mut selbst herauszufinden, ob es geht und ob man es kann.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen dem Kind, das laufen lernt, und vielen Erwachsenen. Das Kind weiß noch nicht, was es kann und nicht kann. Wir Erwachsenen glauben manchmal schon zu wissen, was wir können und nicht können, bevor wir es versucht haben. Übernehmen wir nicht zu oft nur die Meinungen anderer?
Wer bestimmt Deine Grenzen?
Wer entscheidet, dass Du nicht kreativ bist?
Wer entscheidet, dass Du zu alt bist, um etwas Neues zu lernen?
Wer entschiedet, dass Du nicht unternehmerisch denken kannst, nicht schreiben, nicht malen, nicht führen, nicht lernen kannst?
Deine Grenzen:
- bestimmen die Anderen, wenn Du ihre Meinungen oder ihre Verhaltensmuster ungeprüft übernimmst,
- Du selbst, wenn Du Deine Möglichkeiten selbst testest. Deine wahren Grenzen beruhen dann auf Deinen eigenen Erfahrungen.
Du musst Limitierungen nicht hinnehmen, nur weil Du sie über viele Jahre für Deine eigenen gehalten hast.
Wenn Du meinst, etwas nicht zu können, heißt das nicht, dass Du es nicht kannst.
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Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Von der Erschöpfung zur Resilienz“. Wenn du die Gedanken verfolgen möchtest, beginne mit dem ersten Artikel der Serie „Was ist Resilienz wirklich.“ Du findest ihn auf meiner Homepage.
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