Warum kann ich nicht abschalten?

 

Du hast Feierabend. Der Computer ist ausgeschaltet. Die Haustür fällt ins Schloss. Du sitzt vielleicht mit einer Tasse Tee oder Kaffee auf dem Sofa. Die Pflichten des Tages sind erledigt – und – Du kannst nicht abschalten.

Etwas hält Dich auf Trapp. Es ist nicht der Computer, nicht das Telefon – sondern Du selbst.
Deine Gedanken kreisen um ein Gespräch am Nachmittag. Dir geht eine Aufgabe von morgen durch den Kopf. Du denkst an eine Entscheidung, die Du schon lange vor Dir herschiebst. Du wolltest Dich entspannen – und fragst Dich:

 

Warum kann ich nicht abschalten?

 

Diese Frage stellen sich heute erstaunlich viele Menschen – und beginnen nach einer Lösung zu suchen:

– Atemtechnik
– Meditation
– Entspannungsübungen?

Das alles kann hilfreich sein. Dennoch habe ich den Eindruck, dass wir einen entscheidenden Aspekt übersehen.

Wir sind keine Maschinen

Ein Motor braucht Benzin oder Strom, damit er läuft. Drückt man auf den Aus-Knopf, unterbricht das die Energiezufuhr und der Motor kommt sofort zum Stillstand.

Wir Menschen funktionieren offenbar anders. Auch wir brauchen Energie um aktiv zu sein.  Wenn aber der aktive Teil des Tages beendet ist, wo ist dann unser Schalter zum Abstellen?

Wir laufen weiter. Wir wollen etwas tun. Mit den Händen, mit den Beinen oder gedanklich. 
Was braucht der Mensch, um wirklich zur Ruhe zu kommen? Wo ist unser Aus-Knopf?

Der Körper ist angekommen, der Rest nicht

 

Vielleicht kennst Du diese Momente. Du sitzt mit Menschen zusammen. Jemand erzählt etwas
und Du nickst. Plötzlich merkst Du, dass Du den letzten Satz gar nicht gehört hast, weil Du innerlich ganz woanders warst.

Dein Körper war am Tisch anwesent. Deine Gedanken waren längst beim nächsten Termin – oder noch beim letzten. Von außen wirkt das völlig normal. Vielleicht ist es so normal geworden, dass wir es kaum noch bemerken.

Freie Zeit ist nicht automatisch Ruhe

 

Viele Menschen sehnen sich nach dem Feierabend, nach einem freien Wochenende oder nach Urlaub. Endlich freie Zeit, Zeit für sich.

Doch kaum ist die freie Zeit da, füllen wir sie sofort wieder. Wir beantworten noch schnell eine SMS, lessen noch eine Nachrichte, starten einen neuen Podcast oder ein Video.

Können wir freie Zeit nicht mehr frei sein lassen? Haben wir Muße verlernt? Ängstigt uns vielleicht Ruhe, weil  in ihr sichtbar werden könnte, was im Alltag so schön unter all unseren Aktivitäten verborgen ist? Ist unsere innere Unruhe womöglich eine Flucht vor uns selbst?

Solange wir ständig aktiv sind und etwas geschieht, müssen wir nicht uns selbst begegnen.

Abschalten ist keine Technik

 

Wer im Internet nach Hilfe sucht, findet unzählige Anleitungen, Methoden und Techniken. Sie versprechen mehr Gelassenheit, besseren Schlaf, weniger Stress. Alles gute Ziele.

Erwarten wir aber vielleicht von den Methoden etwas, was sie gar nicht leisten können? Ist “abschalten können” vielleicht gar keine Fähigkeit, die man trainieren kann, sondern die Folge von etwas ganz anderem?

Vielleicht brauchen wir gar keine neue Technik, sondern eine Rückbesinnung auf einen normalen Zustand.

Den Normalzustand der Ruhe, in dem nichts von uns verlangt wird. Ein Zustand der Muße, in dem wir auch selbst von uns nichts erwarten – in dem wir einfach sind – “Hier-und-Jetzt” – so wie Kinder beim Spielen.

Stellen wir die falsche Frage?

 

Die meisten Menschen fragen:

„Wie kann ich abschalten?“

Vielleicht führt eine andere Frage weiter.

„Warum fällt es mir so schwer, zur Ruhe zu kommen?“

 

Beide Fragen klingen ähnlich, führen aber in unterschiedliche Richtungen und zu völlig anderen Ergebnissen.

Die erste Frage sucht nach einer Methode zum Abschalten. Den Knopf zum Ausschalten von außen – eine Methode, eine Technik.

Die zweite Frage richtet den Blick nach innen, auf den Menschen selbst. Vielleicht entdeckst Du Aspekte, die Dir bisher gar nicht aufgefallen sind:

– dass Du seit Monaten ständig erreichbar bist,
– dass Du jeden freien Moment sofort meinst, aktiv oder produktiv nutzen zu müssen,
– dass Du kaum noch weißt, wie sich freie Zeit anfühlt, in der Du nichts tun oder erreichen willst.

Jeder findet seine individuellen Antworten – und jeder sollte mit dieser Beobachtung beginnen.

Vielleicht geht es um etwas ganz anderes

 

Wer nicht mehr abschalten kann, glaubt oft, ihm fehle Ruhe. Vielleicht fehlt ihm aber etwas  anderes, nämlich ganz – mit seinen Sinnen, mit seiner Aufmerksamkeit und mit seinen Gedanken – im “Hier und Jetzt” zu sein. Diese Fähigkeit ist uns anscheinend abhanden gekommen.

Wir sollten in der Gegenwart leben, nicht gedanklich schon in der Zukunft oder noch in der Vergangenheit sein. Unser Leben wäre dann vermutlich schöner, intensiver und ruhiger. Vielleicht brauchten wir dann gar nicht mehr abzuschalten?

Ein Gedanke zum Schluss

 

Vielleicht hast Du diesen Artikel gelesen, weil Du endlich besser abschalten möchtest.
Ich hoffe, Du hast ein Stück der Antwort gefunden. Nimm auf jeden Fall zwei Fragen mit:

“Was brauche ich, um zur Ruhe zu kommen?”

“Was hält mich davon ab?”

 

Ich kenne keine allgemeingültige Antwort. Jeder beantworte die Fragen individuell. Jeder sollte sie sich stellen, weil es sich lohnt.

 

                                  —————————————–

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Von der Erschöpfung zur Resilienz“. Wenn du den Gedankengang von Anfang an verfolgen möchtest, beginne mit dem ersten Artikel der Serie „Was ist Resilienz wirklich.“ Du findest sie auf meiner Homepage.                   

                                  ——————————————–

Schau Dir auch gerne meine Videos bei YouTube an. 

                                 ———————————————-

 
Wenn Du diese Gedanken vertiefen möchtest

Jede Woche schreibe ich einen „Brief auf dem Weg zur Resilienz“.

Darin geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um Beobachtungen, die den Blick auf Dein Leben verändern können.

Wenn Du die Briefe direkt in Dein Postfach willst, dann trage Dich hier ein.

 
 

 

.