„Du regst mich auf!“ Diesen Satz sagen wir manchmal zu Menschen, die uns nahestehen. Meistens nicht, weil sie etwas wirklich Schlimmes getan haben. Sie haben sich nur anders verhalten, als wir es wollten oder erwartet hatten.
Im Alltag fällt das oft nicht so auf. Jeder hat seine Arbeit, seine Termine, seine Aufgaben. Man sieht sich morgens und abends. Dazwischen geht jeder seinen eigenen Dingen nach.
Im Urlaub ist das anders. Plötzlich ist man den ganzen Tag zusammen. Unterschiede werden deutlich sichtbar, die im Alltag weniger auffallen.
Du regst mich auf
Ein Paar ist im Urlaub, nennen wir sie Sandra und Peter. Sie sind seit vielen Jahren zusammen und wissen, dass sie unterschiedliche Vorlieben haben.
Sandra möchte gerne etwas besichtigen, etwas erleben und die Zeit gut nutzen. Peter möchte es eher ruhig angehen lassen, durch den Ort oder am Strand bummeln, spontan sein. Vor allem: kein Programm.
Für diesen Urlaub hat Sandra ihre Erwartungen schon heruntergeschraubt. Kein volles Programm. Nur ein paar Dinge, die sie gerne gemeinsam machen möchte.
Für den nächsten Tag hatten sie sich auf ein kleines Programm geeinigt: morgens Besuch eines Museums mit berühmten Gemälden, Mittagessen und am Nachmittag Besichtigung einer schönen Kirche und Gang durch die Altstadt. Ganz entspannt.
Am nächsten Morgen sitzen sie beim Frühstück. Sandra ist bereit, loszugehen. Peter nicht. „Ich habe eigentlich keine Lust auf das Museum“, sagt er. „Lass uns doch einfach ein bisschen herumlaufen.“
Sandra schaut ihn an. „Aber wir haben das doch gestern besprochen und uns darauf geeinigt.“ Peter: „Ja. Aber heute ist heute.“ Sandra ist verärgert.
Nicht nur, weil sie das Museum gerne sehen möchte. Sie hat sich auf Peter eingestellt und das Programm bewusst reduziert. Weil sie weiß, dass Peter nicht den ganzen Tag von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten laufen will. Und nun hält er sich nicht daran.
„Du regst mich auf“, sagt Sandra schließlich. Peter versteht die Aufregung nicht. Für ihn bedeutet Urlaub doch gerade, dass er morgens spontan entscheiden kann, worauf er Lust hat. Er fühlt sich von Sandras Erwartungen eingeengt. Beide ärgern sich – wer zu Recht?
Was erwarten wir
Gute Beziehungen – private wie geschäftliche – brauchen Absprachen, Verlässlichkeit, Flexibilität und Rücksichtnahme. Manchmal wird aber aus der berechtigten Erwartung der Versuch, den Anderen nach den eigenen Vorstellungen zu formen.
Das Problem liegt genau dort, wo der Andere nicht so ist, wie wir es gerne hätten. Manchmal dort, wo wir wissen, dass er das nicht ändern kann oder will. Und wir versuchen es dennoch.
Sandra kennt Peter. Sie weiß, dass er keinen Wert auf Planung legt, sondern Spontanität liebt. Trotzdem erwartet sie, dass er heute über seinen Schatten springt und sich an die gemeinsame Verabredung hält. Ist das verständlich? Natürlich ist es das. Wenn zwei Menschen etwas vereinbaren, dürfen sie erwarten, dass sich beide daran halten. Sandras „Du regst mich auf“ ist verständlich.
Dennoch – für ihren Ärger ist Sandra selbst zuständig. Sie kennt Peter. Dass er nicht wieder spontan anders entscheidet als vereinbart, das hätte sie besser nicht erwarten sollen. Denn ihr Ärger kommt von ihrer Erwartung.
Warum rege ich mich auf
Sandra und Peter machen am nächsten Tag eine Wanderung. Auf der Karte ist der Weg mit zwei Stunden angegeben. Nach zwei Stunden haben sie ihr Ziel aber noch nicht erreicht.
Sandra schaut auf die Uhr. „Wann sind wir endlich da.“ Dann ärgerlich: „Wie lange dauert das denn noch?“ Peter schaut sich um und sagt „Bis wir da sind.“
Sandra regt sich auf: „Die Angaben in der Karte sind falsch. Ich kann ja das Ziel noch nicht einmal sehen.“ Peter: „Wir laufen einfach weiter, bis wir da sind.“
Wer regt Sandra eigentlich auf?
Sie erwartet ein bestimmtes Ergebnis, eine Situation oder eine Entwicklung, die nicht so kommt, wie sie es erwartet hat. Sie ärgert sich. Nur – ändert ihr Ärger etwas an der Situation? Sandra und Peter müssen weiterlaufen, bis sie ihr Ziel erreicht haben.
Weder andere Menschen noch das Leben richten sich danach, was wir uns vorstellen und welche Erwartungen wir haben.
Bedeutet Resilienz nicht auch, mit Abweichungen der Wirklichkeit von unseren Erwartungen umgehen zu können, ohne dass uns die Abweichungen die innere Ruhe nehmen?
„Welche Erwartungen hast Du an Deine Mitmenschen
und Dein Leben – die Du nicht kontrollieren kannst?“
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Wenn Du diese Gedanken vertiefen möchtest
Jede Woche schreibe ich einen „Brief auf dem Weg zur Resilienz“.
Darin geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um Beobachtungen, die den Blick auf Dein Leben verändern können.
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Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Von der Erschöpfung zur Resilienz“. Wenn du die Gedanken verfolgen möchtest, beginne mit dem ersten Artikel der Serie „Was ist Resilienz wirklich.“ Du findest ihn auf meiner Homepage.
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